Die Gejagten

Der Zeitungsmarkt in Österreich ist hart, aber überschaubar. Gab es 1951 noch 37 eigenständige Tageszeitungen, heute sind es 18. Mit der Gründung von “Österreich” kam zuletzt wieder Bewegung in den Zeitungsmarkt.

Angesichts der damit – dem Einstieg von “Österreich” – stark steigenden Zahl von Tageszeitungen könnte man meinen, Oberösterreichs Medienlandschaft habe sich im letzten Jahr wirklich gewandelt. Bei genauerer Betrachtung gibt es eine neue, bundesweit erscheinende Tageszeitung mit einer Regionalausgabe für Oberösterreich (“Österreich”), und zwei regionale Gratiszeitungen “Heute” und “Oberösterreichs Neue”, letztere kommen allerdings aus Verlagen bereits etablierter Tageszeitungen, nämlich der “Kronen-Zeitung” bzw. der “Oberösterreichischen Nachrichten”.

 “Echte” oberösterreichische Tageszeitungen (aus Oberösterreich oder mit oberösterreichischen Regionalausgaben): 

“Oberösterreichische Nachrichten”: Die “OÖN” wurden am 11. Juni 1945 als Tageszeitung der amerikanischen Besatzungsmacht gegründet. Bereits vier Monate später wurde die Zeitung “unabhängig”, d.h. sie ging in den Besitz österreichischer Eigentümer über. 1954 erfolgte die Fusion mit der seit 1865 erscheinenden “Tagespost”. Ab diesem Zeitpunkt hielten die Nachkommen der Druckerfamilie Wimmer, die vorher die “Tagespost” herausgaben, 74%, der frühere Alleineigentümer der “Nachrichten” und spätere ÖVP-Nationalratspräsident (1962-1970) Dr. Alfred Maleta die restlichen 26 %. Maleta verkaufte seinen Anteil an der “J. Wimmer GesmbH” 1986 an Rudolf Andreas Cuturi, Sohn von Ilse Cuturi und Ururenkel von Firmengründer Josef Wimmer. Rudolf Andreas Cuturi ist noch heute der alleinige Herausgeber der Oberösterreichischen Nachrichten. Die Anteile der Familienmitglieder sind in der Cuturi Privatstiftung; diese hält durch die “J. Wimmer Holding GmbH” praktisch alle Anteile bzw. Beteiligungen an den verschiedenen operativen Gesellschaften. Das “Medienhaus Wimmer” (www.ooemedienhaus.at) ist mittlerweile an zahlreichen Medienprodukten als Haupt- oder Miteigentümer beteiligt – am nennenswertesten wohl die Gratis-Wochenzeitung “Tips” (s. dort), die Gratis-Tageszeitung “Oberösterreichs Neue” (s. dort) und das zugegebenermaßen wohl erfolgreichste regionale Privatradio “Liferadio”; den Ausflug ins Fernsehgeschäft mit “tele vision drei” stellt Cuturi 1999 – nach insgesamt fünfjähriger Experimentierfreudigkeit – ein, das Medienhaus Wimmer ist heute aber noch am Vöcklabrucker Bezirksfernsehen “BTV” beteiligt und war beim Start des Internetfernsehens “planetlinz.tv” der ehemaligen “LT1″-Mitarbeiterin Sonja Resch behilflich. Außerdem sind die Nachrichten (wie alle Tageszeitungen außer “Krone” und das im August 2000 als Printausgabe wieder eingestellte “täglich Alles”) Genossenschafter der APA (Austria Presse Agentur), mit der sie eine lange, nicht immer von freundlichem Entgegenkommen geprägte Geschichte verbindet. So wollte der frühere Verlagsleiter der Nachrichten, Dr. Werner Schrotta, als Visionär schon früh auf elektronische Information, insbesondere Datenbanken, setzen, ein damals nicht mehr als hoffnungsvoller Spleen, den er aber mit APA-Geschäftsführer Vyslozil teilte, der seit 1983 die defizitäre Nachrichtenagentur zu einem Musterbetrieb des Informationszeitalters umgebaut hat. Vorerst einigte man sich auf eine Marktaufteilung: Die “OÖN” beackerten das Feld der elektronischen Zeitungsarchivierung, während die APA sich auf die Online-Verwaltung des übrigens Nachrichtengeschäfts konzentrierte. Dieser Plan funktionierte freilich nicht wirklich, da die anderen Genossenschafter lieber eine unabhängige Plattform für Zeitungsdatenbanken forcierten – mittlerweile hat daher die Nachrichtenagentur und nicht das Nachrichten-Verlagshaus so gut wie alle österreichischen Blätter im Online-Archiv. Einige Jahre später machten dafür die Genossenschafter – mit ihnen die Nachrichten – der APA bei anderen hochfliegenden Plänen einen Strich durch die Rechnung: Das Geschäft mit dem “gewöhnlichen” Endverbraucher im Web, so wurde beschlossen, will man lieber selber machen. Chefredakteur der Oberösterreichischen Nachrichten ist Mag. Gerald Mandlbauer, Jahrgang 1959 und wie sein Vorgänger, Hans Köppl, zuvor Wirtschafts-Ressortleiter bei den Nachrichten. Unter seiner Ägide wurde auch der letzte Relaunch des Nachrichten-Designs durchgeführt, mit täglich außer Sonntag fünf Büchern (Politik – Wirtschaft – Sport – Landesnachrichten (“Nachrichten Oberösterreich”) und Lokalnachrichten (“Land&Leute”)), sicher eine Reaktion auf den Markteintritt von “Österreich”, auf den die meisten Bundesländerzeitungen mit einer stärkeren Regionalisierung reagiert haben. Laut Media-Analyse 2006 erreichen die OÖN 359.000 Leser pro Ausgabe, das entspricht einem Oberösterreich-Anteil von 30,9% (österreichweit: 5,6%). Sie sind damit die zweitgrößte Tageszeitung in Oberösterreich (nach der “Kronen Zeitung”, s. dort) bzw. die viertgrößte Tageszeitung Österreichs (nach “Kronen Zeitung”, “Kleine Zeitung” und “Kurier”). 

“Kronen Zeitung”: 

Die Geschichte der “Kronen Zeitung” ist zugegebenermaßen eine echte Erfolgsgeschichte. Die erste Ausgabe erschien am 2. Jänner 1900 (zum Verkaufspreis von 1 Krone), der erste unaufhaltsame Aufstieg begann drei Jahre später, zur zehntausendsten Ausgabe am 27. November 1927 schrieb Franz Lehár sogar einen Walzer; erst mit der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten 1944 schien das Schicksal der “Krone” besiegelt. 1959 kaufte Hans Dichand, bis dahin Chefredakteur des “Kurier”, die Rechte am Titel Kronen Zeitung und ließ das Blatt als “Neue Kronen Zeitung” wiederauferstehen und baute sie – mit teils innovativen, teils fragwürdigen (so versuchte sie, den wohl standhaftesten Mediaprint-Kritiker “Der Falter” durch Millionenklagen mundtot zu machen) Methoden – zur absoluten Nummer Eins unter den österreichischen Tageszeitungen aus. Österreichweit erreichte die “Krone” laut Media-Analyse 3,031.000 Leserinnen und Leser – täglich. Die Nummer 2, die “Kleine Zeitung” (in Kombination aus Grazer und Klagenfurter Kleiner Zeitung) erreichte 847.000 Leserinnen und Leser, die Nummer 3, der “Kurier”, der aber im gleichen Verlagshaus wie die “Krone”, der Mediaprint, beheimatet ist, erreichte 2006 “nur” 668.000 Leserinnen und Leser. 1968 begann die “Kronen Zeitung”, bis dahin nur in Wien, Niederösterreich und dem Burgendland beheimatet, ihre Regionalisierung Richtung Westen – und startete mit der “Oberösterreich Krone”. (1972 folgte die “Steirer-”, 1975 die “Salzburger-Krone”; erst 1992 eine Regionalausgabe für Tirol; nur in Vorarlberg ist es den Krone-Machern bis heute nicht gelungen, ordentlich Fuß zu fassen; laut Media-Analyse erreicht die Krone dort gerade einmal 5,1% Marktanteil, gegenüber 67,7% der Vorarlberger Nachrichten und 16% der Neuen Vorarlberger Tageszeitung, beide mittlerweile zu 100% Eigentum der Familie Ruß, die das Mediengeschehen in Vorarlberg beherrscht wie im restlichen Österreich nur die Mediaprint). Heute gehört die “Kronen Zeitung” zu 50% Hans Dichand und zu 50% der deutschen WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung); die Beteiligung letzterer machte die “Elefantenhochzeit” von “Krone” und “Kurier” in der gemeinsamen Zeitungs- und Zeitschriften-Verlagsgesellschaft “Mediaprint” möglich; die Beteiligung der Deutschen führt aber immer wieder auch zu Streitigkeiten bei der “Krone”, zuletzt bei der Inthronisierung von Dr. Christoph Dichand als Chefredakteur durch Herausgeber Hans Dichand – seinen Vater; der Streit über diese Einsetzung wird an einem Schweizer Schiedsgericht entschieden. Chefredakteur der “OÖ Kronen Zeitung” ist Klaus Herrmann, dessen Frau Karin Herrmann für die Event-Promotion für die Mediaprint in Oberösterreich zuständig ist. Politisch interessierten Krone-Leserinnen und –Lesern ist aber wahrscheinlich Mag. Werner Pöchinger eher ein Begriff; er ist Leiter des Ressorts Landespolitik und Wirtschaft, und wem seine Kommentare manchmal etwas grün-konservativ vorkommen, mag eine Erklärung dafür im allseits bekannten persönlichen Naheverhältnis zu Grünen-Chef Rudi Anschober finden. In Oberösterreich erreicht die “Neue Kronen Zeitung” laut Media-Analyse 2006 518.000 Leserinnen und Leser oder 44,6 % Reichweite. 

“Österreich”: 

Seit 1. September 2006 ist mit “Österreich” eine neue Tageszeitung auf dem Printmedienmarkt, die auch eine eigene Oberösterreichausgabe hat. Herausgeber der Zeitung ist Wolfgang Fellner mit seiner Frau Uschi und Werner Schima. Wolfgang Fellner ist in der österreichischen Medienszene kein Unbekannter: Mit Rennbahn-Express, Basta, Format und News hat er bereits die österreichische Zeitschriften- und Magazinszene mitgeprägt, mit “Österreich” will er eigenen Angaben zufolge den Tageszeitungsmarkt revolutionieren. Gelingen will es ihm nicht so richtig: Das Konzept seiner Magazine, mit großzügigen Gewinnspielen und Beigaben zu den Abos (PCs und ähnliches) geht nur bedingt auf, Kritiker werfen ihm vor, noch immer einen Großteil der Auflage (laut Media-Analyse 311.000 im 1. Quartal 2007) verschenken zu müssen, um seine Leserinnen und Leser zu erreichen. Dazu kommt, dass die meisten der bestehenden Tageszeitungen rechtzeitig auf die prahlerischen Ankündigungen der Fellners reagiert haben und sich mit graphischen Änderungen, noch lokaleren Schwerpunkten und eigenen Gratiszeitungen (“Heute”, “OÖ Neue”…) neu positioniert haben. Wahrscheinlich ist das das Verdienst von “Österreich”, dass sich die bisher drei regionalen Tageszeitungen in Oberösterreich (Krone, OÖN und Neues Volksblatt) quasi über Nacht verdoppelt haben (durch Österreich, Heute und OÖ Neue), auch wenn deshalb noch lange nicht von einer größeren Medienvielfalt die Rede sein kann. Chefredakteur von Österreich in Oberösterreich – und damit gleichzeitig Kampfansage an die Nachrichten – ist Gerhard Marshall; er war von 1994 bis 2000 Innenpolitik-Redakteur der Oberösterreichischen Nachrichten und ist im Unfrieden von dieser Zeitung geschieden. 

“Neues Volksblatt”: 

Medieninhaber und Herausgeber des “Neuen Volksblattes” ist die Oberösterreichische Media Data Vertriebs- und VerlagsgmbH. Deren Geschäftsführer ist niemand anderes als Mag. Michael Strugl, der auch der Landesparteigeschäftsführer und Klubobmann der oberösterreichischen Volkspartei im Landtag ist – mit anderen Worten: Das “Neue Volksblatt” ist die Parteizeitung der ÖVP in Oberösterreich, was soweit niemand überrascht, aber über die Media Data Vertriebs- und VerlagsgmbH ist die ÖVP Oberösterreich auch – halt nicht ganz so offensichtlich an der Oberösterreichischen Rundschau beteiligt (s. dort). Mit 44.000 Leserinnen und Lesern ist das Volksblatt – eines der letzten Parteiblätter in Österreich überhaupt – die kleinste österreichische Tageszeitung, erreicht in Oberösterreich aber immer noch einen Marktanteil von 3,3%.

Weitere, in Oberösterreich erhältliche Tageszeitungen:

“Kurier”:

Der “Kurier” ist mit 668.000 Leserinnen und Lesern nach “Kronen Zeitung” und nach der “Kleinen Zeitung” die Nummer 3 von Österreichs meistgelesenen Tageszeitungen. Er gehört über ein verschachteltes Beteiligungsmodell zu etwas mehr als 50 % dem Unternehmen Raiffeisen (Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, RZB und Bundesländerversicherung) und zu etwas weniger als 50% der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ, s. auch Krone). Herausgeber und Chefredakteur ist in Personalunion Christoph Kotanko. In Oberösterreich spielt der Kurier mit einem Marktanteil von 1,8% nur eine untergeordnete Rolle, die Verflechtung mit der Krone wird aber umso offensichtlicher, da die Oberösterreich-Redakteure des Kuriers mit der Krone im Mediaprint-Haus in Linz untergebracht sind.

“Der Standard”

Der Standard ist neben “Salzburger Nachrichten” und “Die Presse” eine der Qualitätszeitungen des Landes und wahrscheinlich die objektivste. Herausgeber und - gemeinsam mit Alexandra Föderl-Schmid – Chefredakteur ist Oscar Bronner. Mit 341.000 Leserinnen und Lesern ist Der Standard die sechstgrößte Tageszeitung Österreichs. In Oberösterreich erreicht er einen Marktanteil von 3,5% und ist hier auch mit zwei Redaktionsmitgliedern vertreten, Kerstin Scheller und Markus Rohrhofer. Beide sind auch in Oberösterreich um objektiven Journalismus bemüht, trotzdem kann man Ersterer eine gewisse Nähe zu den Landesgrünen nicht absprechen, während Markus Rohrhofer persönliche Bezüge ins Lager der ÖVP hat.

“Die Presse”

Die bürgerliche Qualitätszeitung aus dem Hause Styria Medien AG (nach ORF und Mediaprint das drittgrößte Medienunternehmen des Österreichs,mit den Titeln Die Presse, Kleine Zeitung sowie Wirtschaftsblatt gleich dreimal im Tageszeitungssegment vertreten; die Aktiengesellschaft gehört zu 98,33% der “Katholischer Medien Verein Privatstiftung” und zu 1,67% dem “Katholischen Medien Verein”) spielt in Oberösterreich ähnlich dem Kurier nur eine sehr untergeordnete Rolle. Sie erreicht einen Marktanteil von 1,7% und hat keine Oberösterreich-Redaktion.

“Salzburger Nachrichten”:

Die Salzburger Nachrichten gehen – ähnlich wie die Oberösterreichischen Nachrichten – auf die amerikanische Besatzung zurück und wurden bereits im Oktober 1945 unabhängig. Mehrheitseigentümer und Herausgeber ist Dr. Max Dasch jun., einen Minderheitsanteil hält seine Schwester, die SN sind daher auch im 100%igen Familienbesitz. Chefredakteur ist Manfred Perterer, Nachfolger des langjährigen Chefredakteurs Ronald Barazon. 265.000 Leserinnen und Leser erreichen die SN österreichweit, in Oberösterreich beträgt ihr Anteil 2,7%. Berthold Schmied war lange Zeit Oberösterreich-Redakteur der SN in Linz und erfüllt diese Aufgabe nun von Salzburg aus. 

“Heute”

Herausgeberin der Gratis-Tageszeitung ist Dr. Eva Dichand, die Tochter des Krone-Herausgebers Hans Dichand. Ähnlich wie die Krone startete auch Heute erst in Wien, bevor es u.a. nach Oberösterreich expandierte. Die Gratiszeitung zeichnet sich durch eine noch vereinfachendere Berichterstattung über “das Wichtigste vom Tag” aus und versucht, mit möglichst reißerischen Schlagzeilen zum Lesen zu animieren.

 “OÖ Neue”

Als Antwort auf die Gratiszeitung Heute brachte Rudolf Andreas Cuturi, Herausgeber der OÖN, seinen Sohn Paolo Cuturi in Stellung, der als Geschäftsführer die Gratiszeitung “OÖ Neue” auf den Markt brachte. Die Rezepte sind die gleichen wie bei im Hause Dichand: kurze, möglichst einfach erzählte Geschichten vom Tage und reißerische Schlagzeilen und Bilder auf der Titelseite.

Wochenzeitungen:

Oberösterreichische Rundschau

Tips

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